[…] – Alles was dazwischen passiert

Dies ist die Dokumentation meiner Arbeit “[…] – Alles was dazwischen passiert“. Es handelt sich um ein mehrstündiges, performatives Konzert für Warteräume und andere Transitorte.

Über

„[…] – Alles was dazwischen passiert“ entstand als Masterarbeit im Sommer 2024 am Lehrstuhl für Akustische Ökologie und Sound Studies, betreut von Prof. Kerstin Ergenzinger. Die Realisierung wurde durch die DB InfraGo-AG ermöglicht sowie vom Frauenförderfonds der Bauhaus-Universität Weimar finanziell unterstützt.

Idee und Umsetzung: Lisa Albrecht

Gesang: Friederike Wrobel

Technische Konsultation: Lefteris Krysalis, David Bilek, Valentin Dudeck

Dokumentation: Jakob Nickels

Wie klingt das Warten? Folgen Sie mir zum Bahnhof, dort steht ein Wartehäuschen zwischen Gleis drei und vier. Es ist weder links noch rechts, sondern in der Mitte. In dem Wartehäuschen sitzen Menschen, Reisende. Auch sie sind „dazwischen“, wie der Raum, in dem sie sitzen: Sie sind schon unterwegs, aber noch nicht da – also warten sie. Und während sie warten, vergeht die Zeit.

Ein Wartehäuschen zwischen Gleis drei und vier. Foto: Lisa Albrecht

Dieses kontinuierliche Vergehen der Zeit wird von den Menschen seit Jahrtausenden mit dem Bild eines Flusses in Verbindung gebracht. Stellvertretend für zahlreiche andere sei hier der antike griechische Philosoph Heraklit frei zitiert: Man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn: Panta Rhei (Alles fließt).

Dieses Fließen der Zeit findet seine Entsprechung im Set-Up meines performativen Live-Konzerts „[…] – Alles was dazwischen passiert„. Ein kontinuierlicher Klangstrom wird in Echtzeit generiert und ausgegeben; es entsteht ein hörbarer Livestream aus vergehender Zeit.

Das Vergehen der Zeit, beziehungsweise der Wartezeit, wird in „[…] – Alles was dazwischen passiert“ durch Metall-Thermosflaschen hörbar. Aus meinem kleinen „Orchester“ wähle ich immer eine oder zwei für das Konzert aus und stelle sie am Bahnsteig (oder einem anderen Ort) auf. Mithilfe eines kleinen Mikrofons bekomme ich in Echtzeit ein Audiosignal aus ihrem Inneren. Durch ihre Form fungieren die Thermosflaschen als Resonatoren; sie filtern den Umgebungsklang und verstärken dadurch einige Geräusche, während andere im Rauschen untergehen.

DPA-Mikrofon in Thermosflasche. Foto: Lisa Albrecht
Demonstration der Filterwirkung der Thermosflasche: In hellviolett eine unbearbeitete Aufnahme, in dunkelviolett dieselbe Umgebung durch eine Thermosflasche aufgenommen.

Rauschen ist das akustische Equivalent zum Warten: Es ist weder Stille noch Klang; es ist genug, um gehört zu werden, aber zu wenig, um etwas Bestimmtes zu meinen. Und Warten ist genauso dazwischen: Zwischen dem, was vorher war aber schon abgeschlossen ist, und dem, was danach kommt aber noch nicht begonnen hat.

Ein weiterer Teil der Performance sind literarische Schnipsel, die Wartesituationen beschreiben – vom Summen über genervte Seufzer bis hin zu Liebeserklärungen an die Sonne. Diese Snippets wurden von der Sängerin Friederike Wrobel eingesungen. Um auf Situationen und Stimmungen am Bahnsteig zu reagieren, habe ich diese Samples in den Livestream eingespielt.

Im Wartepavillon im Weimarer Hauptbahnhof hängt ein Memoryspiel aus Plastik an der Wand. Mittels einem Piezo-Mikrofons (Kontaktmikrofon) konnte ich das Geräusch, welches beim Drehen der einzelnen Karten entsteht, verstärken und zum Teil des Livestreams werden lassen. Dieses Geräusch, zusammen mit den Snippets und dem Live-Stream aus den Thermosflaschen, erzeugt die Soundscape von „[…] – Alles was dazwischen passiert„.

Gemeinsam Warten während der Performance. Foto: Lisa Albrecht unter Verwendung eines Videos von Jakob Nickels.
Live-Monitoring (EQing) der Soundscape im Wartepavillon. Foto: Lisa Albrecht unter Verwendung eines Videos von Jakob Nickels.
Detail des Performance-Set-Ups: Temperatursensor im Wasserglas; rechts zwei Thermosflaschen mit Eiswürfeln beziehungsweise heißem Wasser. Foto: Lisa Albrecht unter Verwendung eines Videos von Jakob Nickels.

Um dem gefühlten inneren Stimmungen die während des Wartens erlebt werden können – gestresst, müde, gelangweilt, gleichmütig, entspannt – einen äußeren Ausdruck zu verleihen, moduliere ich während der Performance einige akustische Elemente des Livestreams durch einen Temperatursensor. Dieser liegt, für das Publikum sichtbar, in einem Glas. Mit Eiswürfeln beziehungsweise heißem Wasser kann ich die Temperatur im Glas steuern.

Mal wieder keine Zeit für Nichts, ach! Ich werfe meine Augen runter in den Handyscreen.

Der verlangsamte Übergang von heiß zu kalt oder umgekehrt erzeugt Daten, welche im Programm MaxMSP die Tonhöhe des Livestreams aus den Thermosflaschen beeinflussen: Eine höhere Temperatur ist mit mehr Stress assoziiert und entspricht einer höheren Grundfrequenz des Rauschens, während eine niedrigere Temperatur mit mehr Entspannung und einer tieferen Grundfrequenz assoziiert ist. Akustische Parameter von Samples, bevor sie Teil des Live-Streams werden: Ein Wecker wird hörbar, ein Herzschlag beschleunigt sich, das Klappern eines Wand-Memory-Spiels verdreifacht sich im Nachhall. So entsteht während jeder Performance ein einzigartiger Livestream, basierend auf der jeweiligen Situation am Gleis.